Fußball WM Analyse von Joachim Löw und Oliver Bierhoff

Fußball WM: DFB-Präsident Reinhard Grindel und Joachim Löw - Foto: gettyimages / DFB
DFB-Präsident Reinhard Grindel und Joachim Löw – Foto: gettyimages / DFB

Fußball WM 2018 Russland: Bundestrainer Joachim Löw präsentierte in München auf einer Pressekonferenz seine Analyse zum historischen Vorrunden-Aus bei der WM in Russland und seine Pläne für den Neustart mit dem DFB-Team.

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Fußball WM Analyse: Auch Oliver Bierhoff fiel mit Selbstkritik auf.

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29.08.2018 – SPORT4FINAL / Frank Zepp:

Vor dem Match gegen Weltmeister Frankreich in der Nations League am 6. September und dem anschließenden Freundschaftsspiel gegen Peru am 9. September erfolgte die Fußball WM Analyse von Joachim Löw und Oliver Bierhoff.

Joachim Löw: Erkenntnisse und eigene Fehler

„Die Defensive war in Russland viel wichtiger als bei den letzten Turnieren. Fast alle Mannschaften haben nur mit drei Offensiv-Spielern gespielt. Konter-Situationen wurden wieder wichtiger und Standard-Situationen haben eine größere Rolle gespielt. Die Frage: Ist Ballbesitz-Fußball vorbei? In Deutschland Bayern München, in Spanien Barcelona, in England Manchester City sind alles Mannschaften, die über einen Ballbesitz-Fußball Meisterschaften gewonnen haben. Aber die Champions League hat Real Madrid gewonnen. Bei Turnieren sind Anpassungen gefragt. Meine größte Fehleinschätzung bei der Fußball WM war es zu denken, dass wir mit diesem Ballbesitz-Fußball zumindest durch die Gruppenphase kommen. Die Rahmen-Bedingungen haben bei diesen Spielen nicht gepasst. Das war eine riesige Fehleinschätzung. Das war fast schon arrogant. Ich wollte das Team in Sachen Ballbesitz perfektionieren. Aber ich hätte mehr auf eine stabile Defensive setzen müssen. Ich wollte erst nach der Vorrunde die Spielweise adaptieren. Eigentlich war das Spiel gegen Mexiko schon ein K.-O.-Spiel. Das habe ich falsch eingeschätzt. Wir müssen unsere Spielweise adaptieren, variabler und flexibler werden. Feuer und Funke waren in der Mannschaft vorhanden. Aber sie sind nicht zu einem großen Feuer entwickelt worden.“

Details:

„Wir haben viel weniger Sprints gemacht und in intensive Läufe investiert. Von dem hat unsere offensive Spielweise gelebt. Dass wir in die Tiefe gehen, mit hoher Intensität. Das hat uns in Russland gefehlt. Wir haben weniger geradlinig gespielt und vor allen Dingen viel langsamer im Spielaufbau agiert. Die Zahlen belegen, dass wir viel zu lange im Spielaufbau gebraucht haben. Dadurch hatte der Gegner genug Zeit, sich zu organisieren. Die Geschwindigkeit und das zu langsame Passpiel waren nicht gut. Wir hatten auch ein großes Problem in der Chancenverwertung. Wir hatten so viele Abschlüsse und Chancen wie nie zuvor. Wir hatten 24 Torabschlüsse pro Spiel. Insgesamt: Wir müssen flexibler, variabler und stabiler werden. Wir müssen die Mannschaft wieder neu einstellen und eine gute Mischung finden. Dann bin ich mir sicher, dass wir dieses Jetzt-erst-recht-Gefühl hinbekommen und dass die Mannschaft mit einer ganz anderen Freude, Begeisterung und Leidenschaft zu Werke gehen wird.“

Özil: „Sein Berater hat mich spätnachmittags am Sonntag angerufen und mir gesagt, dass Mesut gleich die dritte Erklärung herausgibt und seinen Rücktritt bekannt gibt. Der Spieler selbst hat mich nicht angerufen. Normalerweise war das in der Vergangenheit immer so. Mesut hat sich für einen anderen Weg entschieden. Ich habe ihn in den letzten eineinhalb, zwei Wochen versucht, zu erreichen. Das ist mir auch nicht gelungen. Er hat sich für diesen Weg entschieden und das muss ich so akzeptieren. Wir haben die Geschichte mit den Fotos unterschätzt. Auch ich habe das unterschätzt. Wir haben alles versucht, auch mit Präsident Steinmeier, um das auszuräumen. Das Thema hat Kraft gekostet. Aber das soll kein Alibi für unser Ausscheiden sein. Es war für mich immer klar, dass ich Ilkay und Mesut aus sportlichen Gründen nominiere. Mit seinen Rassismus-Vorwürfen hat Mesut überzogen. Ich kann sagen, dass im DFB niemals ein Ansatz von Rassismus vorhanden war. Die Spieler mit Migrationshintergrund haben immer gerne für uns gespielt und daran hat sich nichts geändert.“

Kader: „Wir haben klare Ansätze und Ideen, den Worten wollen wir jetzt Taten folgen lassen. Thilo Kehrer, Nico Schulz und Kai Havertz sind neu im Kader, Nils Petersen und Leroy Sane kehren zurück. Sami Khedira fehlt. Auch Marvin Plattenhardt, Sebastian Rudy und Kevin Trapp sind neben den zurückgetretenen Mario Gomez und Mesut Özil nicht dabei.“

Oliver Bierhoff:

Erscheinungsbild: „Nach dem Ausscheiden ging es nicht nur um sportliche Erklärungen, sondern auch um das Auftreten und das Erscheinungsbild der Nationalmannschaft. Darüber mache ich mir seitdem jeden Tag Gedanken. Wir haben alle Aspekte der Teamleistung analysiert und mir war es wichtig, mit den Beteiligten zu sprechen. Viele haben schon viele Turniere erlebt und können deswegen auch Vergleiche ziehen. Spieler, Betreuer, aber auch nicht direkt Beteiligte, Außenstehende. Ich habe viele persönliche Gespräche, Telefonate und E-Mail-Konversationen geführt. Ich bin verantwortlich für die Darstellung der Mannschaft. Uns hat die richtige Einstellung gefehlt. Wir haben die Unterstützung unserer Fans für zu selbstverständlich genommen. Wir waren nachlässig und haben gedacht, dass das Weiterkommen und die Unterstützung ein Selbstläufer ist. Wir waren uns der Verantwortung zu wenig bewusst, wie viel Fußball für dieses Land bedeutet. Natürlich steht man dann als Verantwortlicher in der Kritik. Das habe ich verstanden und nachvollziehen können.“

Özil: „Dass dieser Rücktritt so vollzogen wurde, schmerzt uns allen. Auch Mesut. Wir haben die Situation unterschätzt oder falsch eingeschätzt, dass auch politische Reaktionen stattfinden. Eines ist klar: Ein Nationalspieler kann kein Ziel rassistischer Beleidigungen sein. Den Rassismus-Vorwurf weise ich zurück.“

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